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2. September 2026  (aktualisiert am 2. September 2026)

Grün draufgeschrieben – grün drin? Warum das neue Greenwashing-Recht für den Holzbau eine Chance ist

von  Redaktion Holzbau Fachhandel | 9 Min. Lesezeit | #Greenwashing  #Holzbau  #Nachhaltigkeit  #Baustoffe  #EPD 

Warum das neue Greenwashing-Recht für den Holzbau eine Chance ist

Auf Baustellen, in Produktbroschüren und auf den Internetseiten der Baustoffhersteller ist die Farbe Grün längst allgegenwärtig. Baustoffe werden als „ökologisch“, „klimafreundlich“, „nachhaltig“ oder „CO₂-reduziert“ beworben. Dazu kommen Siegel, Blätter, Bäume und andere grafische Signale, die dem Betrachter vermitteln sollen: Dieses Produkt ist die bessere Wahl für Umwelt und Klima.

Doch wie belastbar sind solche Aussagen tatsächlich?

KI generiertes Bild: Verschiedene Baustoffe mit unechten Ökolabels stehen nebeneinander.
Diese Frage wird künftig wichtiger. Mit der EU-Richtlinie 2024/825 – der sogenannten Empowering-Consumers-Richtlinie – werden die Anforderungen an umweltbezogene Werbung deutlich verschärft. Die Mitgliedstaaten müssen die Vorgaben bis zum 27. März 2026 umsetzen; anzuwenden sind die neuen Regelungen ab dem 27. September 2026.

Für die Bauwirtschaft ist das besonders interessant. Denn gerade bei Bauprodukten ist die ökologische Wahrheit selten mit einem einzigen Adjektiv zu beschreiben. Sie steckt in Rohstoffen, Herstellungsprozessen, Transportwegen, Nutzungsdauer, Rückbau und Entsorgung – und zunehmend in einer belastbaren Ökobilanz.

Das könnte für den Holzbau eine gute Nachricht sein. Allerdings nur dann, wenn auch die Holzbranche bereit ist, ihre eigenen grünen Versprechen präzise zu belegen.

Wenn „grün“ künftig nicht mehr einfach grün sein darf

Die neue EU-Regelung nimmt insbesondere allgemeine Umweltaussagen ins Visier. Begriffe wie „umweltfreundlich“, „ökologisch“, „grün“, „klimafreundlich“ oder „CO₂-freundlich“ sollen nicht mehr einfach verwendet werden dürfen, wenn keine anerkannte hervorragende Umweltleistung nachgewiesen werden kann. Auch Nachhaltigkeitssiegel müssen bestimmten Anforderungen genügen.

Besonders relevant ist dabei ein Punkt, der für Bauprodukte geradezu zentral ist: Ein positiver Teilaspekt darf nicht automatisch als Aussage über die gesamte Umweltleistung eines Produktes verkauft werden.

Das Umweltbundesamt beschreibt genau dieses Problem in seiner 2025 veröffentlichten Studie „Valide Umweltaussage oder Greenwashing?“. Eine Umweltaussage kann demnach irreführend wirken, wenn beispielsweise nur ein positiver Aspekt hervorgehoben wird, während andere relevante Umweltwirkungen nicht betrachtet werden. Für eine belastbare Bewertung sollte idealerweise der gesamte Lebenszyklus eines Produktes berücksichtigt werden – von der Rohstoffgewinnung über Herstellung und Transport bis zur Nutzung und Entsorgung.

Für Planer bedeutet das: Ein grünes Logo ist keine Ökobilanz.

Und ein Produkt, das mit „CO₂-reduziert“ wirbt, ist damit noch lange nicht automatisch das ökologisch bessere Produkt.

Das Problem mit dem schönen Teil der Wahrheit

Greenwashing muss dabei nicht einmal eine bewusst falsche Aussage sein. Es kann bereits darin liegen, eine Information so auszuwählen und darzustellen, dass beim Betrachter ein falscher Gesamteindruck entsteht.

Ein Hersteller könnte beispielsweise die Reduzierung einer bestimmten Umweltwirkung hervorheben. Das kann vollkommen korrekt sein. Wenn gleichzeitig andere Umweltwirkungen deutlich schlechter ausfallen, entsteht durch die isolierte Betrachtung aber möglicherweise ein verzerrtes Bild.

Gerade bei Baustoffen ist diese Gefahr groß. Ein Gebäude besteht schließlich nicht aus einem einzigen Produkt. Dämmung, Tragwerk, Fassade, Befestigungsmittel, Beschichtungen, Klebstoffe und zahlreiche weitere Komponenten beeinflussen die Gesamtbilanz.

Deshalb muss die entscheidende Frage künftig lauten: Was genau wurde eigentlich verbessert – und gegenüber welchem Vergleich?

KI generiertes Bild: Ein Zimmermann und eine Architektin sehen sich Unterlagen über Bauprodukte an.
Diese Frage ist weitaus anspruchsvoller als die Frage, ob ein Produkt ein grünes Label trägt.

Auch wissenschaftlich wird das Thema inzwischen ausdrücklich für die Baustoffindustrie untersucht. Eine 2025 veröffentlichte Studie bezeichnet Greenwashing bei grünen Baumaterialien als relevantes Problem und weist unter anderem auf Risiken bei Zertifizierungs- und Bewertungssystemen hin. Eine weitere Untersuchung aus dem Jahr 2024 analysiert speziell die Rolle von Umweltproduktdeklarationen (EPDs) und kommt zu dem Ergebnis, dass auch dort unterschiedliche Bewertungsmethoden und unvollständige Lebenszyklusdaten die Aussagekraft beeinträchtigen können.

Das ist eine wichtige Erkenntnis: Auch ein Zertifikat ersetzt nicht automatisch die fachliche Auseinandersetzung mit den zugrunde liegenden Daten.

„Klimaneutral“ ist nicht gleich emissionsfrei

Wie schnell eine vermeintlich einfache Umweltaussage kompliziert werden kann, zeigt der Begriff „klimaneutral“.

Der Bundesgerichtshof hat sich 2024 mit einer Werbung beschäftigt, in der Produkte als „klimaneutral“ bezeichnet wurden. Der Fall zeigt exemplarisch, warum eine solche Aussage erklärungsbedürftig ist: Für die Verbraucher ist relevant, ob Klimaneutralität durch tatsächliche Emissionsminderungen oder beispielsweise durch den Erwerb von CO₂-Zertifikaten erreicht wird.

Die EU geht nun noch einen Schritt weiter. Die neue Richtlinie verbietet bestimmte produktbezogene Aussagen, wenn sie auf einer Kompensation von Treibhausgasemissionen außerhalb der Wertschöpfungskette des Produktes beruhen. Genannt werden unter anderem Aussagen wie „klimaneutral“, „CO₂-neutral“, „CO₂-positiv“ oder „mit Klimaausgleich“. Entscheidend soll vielmehr die tatsächliche Umweltwirkung des Produktes über seinen Lebenszyklus sein.

Für die Baupraxis ist das ein wichtiger Paradigmenwechsel.

Denn zwischen „Bei der Herstellung entstehen weniger Emissionen“ und „Das Produkt ist klimaneutral“ liegt ein gewaltiger Unterschied.

Und was bedeutet das für den Holzbau?

Zunächst einmal: Holz ist nicht automatisch nachhaltig.

Auch das sollte eine seriöse Kommunikation der Holzbranche klar sagen. Für Holzprodukte müssen unter anderem Forstwirtschaft, Verarbeitung, Energieeinsatz, Transporte, Bindemittel und Beschichtungen berücksichtigt werden. Bei Holzwerkstoffen können Klebstoffe und andere Bestandteile relevant sein. Auch die spätere Nutzung und das Lebensende des Produktes gehören in die Betrachtung.

Wer also künftig einfach „Holz = ökologisch“ schreibt, macht es sich zu leicht. Gerade deshalb könnte das neue Greenwashing-Recht dem Holzbau aber nutzen. Denn die Argumentation lässt sich auf eine wesentlich solidere Grundlage stellen:

Nicht das Materialsymbol entscheidet, sondern die nachweisbare Umweltleistung.

KI generiertes Bild: Ein Mann in Arbeitskleidung begutachtet eine Holzplatte.

Für Holzbauprodukte stehen dafür unter anderem Umweltproduktdeklarationen zur Verfügung. EPDs beruhen auf standardisierten Ökobilanzierungen und machen Umweltwirkungen von Bauprodukten über definierte Lebenszyklusabschnitte vergleichbar. Sie sind damit wesentlich aussagekräftiger als pauschale Aussagen wie „grün“ oder „umweltfreundlich“.

Allerdings gilt auch hier: Eine EPD ist ein Instrument zur transparenten Darstellung von Umweltwirkungen, kein Freibrief für die Aussage „ökologisch“. Die zugrunde liegenden Systemgrenzen, Daten und Bilanzierungsregeln müssen verstanden werden.

Genau hier liegt eine wichtige Aufgabe für Planer und Architekten.

Holz bringt eine zusätzliche Dimension in die Bilanz

Beim Holzbau kommt ein weiterer Aspekt hinzu, der bei vielen mineralischen Baustoffen in dieser Form nicht existiert: biogener Kohlenstoff. Bäume entziehen der Atmosphäre während ihres Wachstums CO₂ und speichern den darin enthaltenen Kohlenstoff. Wird Holz anschließend stofflich in Bauprodukten genutzt, bleibt dieser Kohlenstoff zunächst im Produkt gebunden.

Das bedeutet nicht, dass ein Holzbauteil automatisch „CO₂-negativ“ ist. Herstellung, Energieeinsatz, Transporte und das Ende der Nutzungsphase müssen weiterhin betrachtet werden. Aber Holz besitzt eine besondere Eigenschaft, die in einer vollständigen Ökobilanz berücksichtigt werden kann: Es ist nicht nur Baustoff, sondern zugleich Kohlenstoffspeicher.

Damit wird die Betrachtung des gesamten Lebenszyklus besonders interessant. Ein Holzbauteil kann beispielsweise gleichzeitig Herstellungsaufwendungen verursachen und während seiner Nutzungsdauer biogenen Kohlenstoff speichern. Hinzu kommt der mögliche Substitutionseffekt, wenn Holz einen Baustoff ersetzt, dessen Herstellung mit höheren Treibhausgasemissionen verbunden wäre.

Genau deshalb sollte die Diskussion nicht bei der Frage stehen bleiben: „Wie viel CO₂ verursacht dieses Produkt?“ Sondern auch fragen: „Welche Funktion erfüllt das Produkt, welche Materialien ersetzt es und was geschieht mit dem gebundenen Kohlenstoff über seinen Lebenszyklus?“

Die eigentliche Chance liegt in der Vergleichbarkeit

KI generiertes Bild: Eine Frau studiert am Schreibtisch sitzend Informationen über Bauprodukte.
Für Zimmerer, Holzbauunternehmen und Planer könnte die neue Rechtslage deshalb einen interessanten Effekt haben. Wenn Hersteller ihre Umweltvorteile künftig stärker belegen müssen, wird die Diskussion über Baustoffe zwangsläufig fachlicher. Dann reicht möglicherweise nicht mehr: „Unser Baustoff ist nachhaltig.“ Stattdessen müssen Hersteller erklären: Warum?

Welche Rohstoffe werden eingesetzt? Wie wird produziert? Welche Umweltwirkungen entstehen? Welche Lebenszyklusphasen wurden betrachtet? Welche Daten liegen zugrunde? Wie wurde bilanziert? Was passiert beim Rückbau? Und genau an diesem Punkt kann der Holzbau seine tatsächlichen Stärken ausspielen – wenn er sie mit belastbaren Daten belegt . Das ist ein entscheidender Unterschied.

Die Zukunft des Holzbaus sollte deshalb nicht darin liegen, möglichst laut „grün“ zu rufen. Sie sollte darin liegen, nachvollziehbar zu zeigen, warum und unter welchen Bedingungen eine Konstruktion aus Holz ökologische Vorteile besitzt.

Was Planer künftig genauer fragen sollten

Für die tägliche Planungspraxis lässt sich daraus eine einfache Konsequenz ableiten. Bei besonders „grün“ beworbenen Bauprodukten lohnt sich künftig ein zweiter Blick.

  • Gibt es eine belastbare EPD?
  • Welche Lebenszyklusphasen wurden betrachtet?
  • Welche Umweltwirkungen wurden untersucht – nur das Treibhauspotenzial oder weitere Kategorien?
  • Worauf bezieht sich die behauptete Verbesserung?
  • Was ist der Vergleichsmaßstab?
  • Sind Rohstoffgewinnung, Herstellung, Transport und Entsorgung berücksichtigt?
  • Wird mit CO₂-Kompensation gearbeitet?
  • Und schließlich: Ist die ökologische Aussage tatsächlich eine Produkteigenschaft – oder lediglich eine geschickte Beschreibung eines einzelnen Vorteils?

Diese Fragen gelten übrigens für alle Baustoffe. Auch für Holz.

Greenwashing könnte dem Holzbau sogar helfen

Das klingt zunächst paradox. Ein Gesetz, das Umweltwerbung für alle Branchen strenger reguliert, könnte ausgerechnet für eine Branche zum Vorteil werden, die selbst immer stärker mit Nachhaltigkeit argumentiert. Aber genau darin liegt die Chance.

Wenn künftig weniger mit pauschalen Begriffen wie „ökologisch“, „grün“ oder „klimafreundlich“ gearbeitet werden darf, gewinnen Daten, Transparenz und Vergleichbarkeit an Bedeutung. Und das ist grundsätzlich gut für den Holzbau. Denn Holz muss nicht ausschließlich über ein Image verkauft werden. Seine Eigenschaften lassen sich technisch beschreiben und zunehmend auch ökologisch bilanzieren.

Die entscheidende Botschaft lautet deshalb nicht: „Holz ist grün.“ Sie lautet: „Zeigen wir, was Holz tatsächlich kann – und belegen wir es.“

Das neue Greenwashing-Recht ist damit kein Freifahrtschein für den Holzbau. Im Gegenteil: Es fordert auch die eigene Branche heraus, genauer hinzusehen und überzogene Versprechen zu vermeiden. Aber genau das könnte am Ende zum Vorteil werden.

Denn wenn auf Baustoffen künftig nicht mehr einfach „ökologisch“ stehen darf, nur weil es gut klingt, wird derjenige gewinnen, der seine Umweltleistung nachvollziehbar, vergleichbar und überprüfbar darstellen kann. Für den Holzbau ist das eine gute Nachricht.

Nicht, weil Holz automatisch der grüne Baustoff ist. Sondern weil die Zukunft der Nachhaltigkeitskommunikation zunehmend aus Daten statt aus grünen Etiketten bestehen wird.

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Redaktion Holzbau Fachhandel

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